Wirtschaftsboom in der Weite Russlands
Eine Delegation der Stadt Salzgitter unter der Leitung von Stadtkämmerer Ekkehard Grunwald stattete kürzlich der russischen Partnerstadt Staryj Oskol einen Besuch ab.
Grund für den Besuch war zum einen der 411. Stadtgeburtstag Staryj Oskols, eine beabsichtigte Wirtschaftskonferenz beider Städte im kommenden Jahr und der Wunsch der russischen Partnerstadt, unter den Salzgitteranern bekannter zu werden.
Staryj Oskol, das ist im Kern eine Altstadt, mit Häusern aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, die auf einem Hügel über dem Fluss Oskol gebaut ist, der einst auch Standort der Festung und damit des Gründungsortes der Stadt war. Die sanft hügelige Landschaft rund um die Stadt prägen ausgedehnte Felder, die immer wieder von Birken- und Kiefernwäldern unterbrochen werden, in denen Wolf und Elch zu Hause sind
Die Silhouette der russischen Stadt wird von Hochhausbauten aus der Sowjetzeit dominiert, die das Bild der Stadtteile prägen. Dazwischen sind in den vergangenen Jahren neue Hochhäuser im westlichen Stil entstanden und in den Vororten gibt es immer mehr Einfamilienhäuser. Mit letzteren zeigen vor allem die sogenannten "Neuen Russen" ihren Reichtum. Die orthodoxe Kirche demonstriert ihr wiedergewonnenes Selbstbewusstsein, in dem sie ihre Gotteshäuser mit den goldenen Zwiebeltürme in neuem Glanz erstrahlen lässt. Fast ein wenig in Vergessenheit zu geraten scheinen die typisch bemalten kleinen Holzhäuser. In ihnen leben nur noch alte Menschen, die jungen bevorzugen die Hochhäuser, die mehr Komfort zu bieten haben.
Staryj Oskol wächst schnell und der Reichtum, den das Eisenerz seit den 70er Jahren in die Stadt gebracht hat, ist überall zu sehen. Neue große Sportanlagen sind am Stadtrand entstanden, die von den Staryj Oskolern zu günstigen Eintrittspreisen besucht werden können. Ein neues Kino, zahlreiche Diskotheken, üppig bepflanzte Blumenbeete auf jedem Straßenrondell und Blumenampeln an den Laternen zeugen vom Wohlstand der Stadt. Das Geld dafür wird im Eisenerz-Tagebau verdient. An der Planung und dem Aufbau der Maschinen zur Gewinnung des Bodenschatzes war die Preussag AG (heute Salzgitter AG) maßgeblich beteiligt. Zwei riesige Abbaustätten gibt es im Landkreis von Staryj Oskol und im Boden sind noch weitere Eisenerz-Reserven für 400 Jahre vorhanden. Der Rohstoff-Reichtum hat auch andere Industriesparten in den Landkreis und in die Stadt gezogen. Nicht nur ein Stahlwerk, Firmen für Bergbauausrüstung, Maschinenteile, eine Zementfabrik und ein milchverarbeitender Betrieb haben sich hier angesiedelt, im Herzen der Stadt gibt es auch eine Schokoladenfabrik.
In den vergangenen 15 Jahren hat Staryj Oskol ein rasantes Wachstum seiner Bevölkerungszahl von 170 000 auf heute 253 000 erlebt. Die aktuelle Zahl setzt sich vor allem, ganz im Gegensatz zur sonstigen demographischen Entwicklung der Überalterung in Russland, zu zirka 30 Prozent aus jungen Menschen zusammen. Über fünf Filialen und zwei Vertretungen russischer Universitäten sowie 60 Schulen sind in der Stadt untergebracht. Darunter die neu erbaute Schule Nummer 40. Deren Ausstattung würde das Herz jedes Schulleiters in Deutschland höher schlagen lassen. 1116 Schüler von der ersten bis zur letzten Klasse gehen hier zur Schule und werden von 115 Lehrern unterrichtet. In den Computerräumen gibt es genug Geräte um jedem Kind oder Jugendlichen im Unterricht die Arbeit an einem PC zu ermöglichen, ohne dass sich zwei ein Gerät teilen müssen. Bald können die Schüler auch im Internet surfen. Eine gut ausgestattete Bühne in der Aula zeugt davon, dass in dieser Schule vor allem das künstlerische Talent der Schüler gefördert wird. Direkt im Gebäude, sind auch mehreren Behandlungsräumen untergebracht, in denen die Schüler von der Zahnuntersuchung bis zur Impfung medizinisch betreut werden.
Zum Abschluss des Besuches haben die Delegationsmitglieder noch einmal ein besonderes Erlebnis: Den Umzug zum 411. Bestehen der Stadt auf der Promenade der Altstadt. Tanzgruppen in bunten Trachten führen den Zug an, der zu Beginn Szenen aus der Geschichte der Stadt erzählt, dann folgen die Mitarbeiter der einzelnen Betriebe, Schulen, Hochschulen und der Stadtverwaltung, die den am Rand stehenden mit bunten Luftballons und Blumen zuwinken. Noch viel mehr Gruppen, so Oberbürgermeister Nicolai P. Schewtschenkow, hätten sich für den Umzug angemeldet, doch er wurde aufgrund der Trauer um die Geiselopfer in der Schule in Beslan in diesem Jahr gekürzt.
Die Mitglieder der Delegation aus Salzgitter sind sich am Ende ihres zweitägigen Besuches einig: Staryj Oskol wird auch in Zukunft noch einige Überraschungen bereit halten, denn das Ende des Wirtschaftsbooms ist noch nicht abzusehen.